Karin Rohner


Advents- und Weihnachtskalender

 
Von der Kunst des Schenkens

von Otto Ernst (1862-1926)
 
Es ist schon eine ganze Zeit her, dass ich in erster Frühe aus dem Schlaf geweckt wurde durch ein eifriges und andauerndes Geplapper aus der Schlafstube der Kinder. Es war noch ganz dunkel. Ich horchte.
"Sechsundsechzigmal."
"Nein, siebenundsechzigmal! Sieh mal: Heute ist der achtzehnte, nicht? Bleiben also noch dreizehn Tage."
"Zwölf!"
"Ach, Junge! Oktober hat doch einunddreißig!"
"Na ja: dreizehn."
"Und November hat dreißig, macht dreiundvierzig. Noch siebenundsechzigmal schlafen. Dann ist Weihnachten!"
So früh schon vernehmen die Kinder aus dem Winterdunkel das ferne Schimmern und Singen.

Und dann ziehen sie jeden Morgen eins ab: jetzt noch sechsundsechzigmal schlafen - jetzt noch fünfundsechzigmal. Ganz so früh fängt für mich das Weihnachtslied nicht an. Aber doch schon früh. Man entfesselt bei Tisch oder in der Dämmerung ein Weihnachtsgespräch unter den Kindern. Mein Neunjähriger erzählt aus der Schule. Der Lehrer hat gesagt: " Wenn ihr nicht fleißig seid, kriegt ihr nichts vom Weihnachtsmann." Da haben die Jungen gelacht und gerufen: "Es gibt ja gar keinen Weihnachtsmann!" Da hat der Lehrer gesagt: "Soo? - Wer glaubt, dass es einen Weihnachtsmann gibt?" Da hat ein einziger Junge aufgezeigt, meiner. Und da haben die anderen ihn ausgelacht.
Junge, ich muss dir die frommen Augen küssen. Ich habe dich grenzenlos lieb in deiner einsamen Schande!

Wir haben immer unsere stille Freude an meinem Experiment, meine Frau und ich. So um den September und Oktober herum sind die älteren unter den Kindern noch fest überzeugt, dass der Weihnachtsmann nirgends anders existiere als im Portemonnaie des liebenswürdigen Vaters. Natürlich genießen sie Glaubensfreiheit.
Nur gelegentlich fällt ein Wort, dass man den Knecht Ruprecht auf der Straße getroffen, sich mit ihm über die diesjährige Tannen- und Puppenernte unterhalten habe, dass gestern abend sein rauhaariger Kopf hinter den Eisblumen des Fensters aufgetaucht sei.

Im November etwa werden die Überzeugungen schwankend. Die Nachrichten vom Weihnachtsmann werden mit einem merkwürdigen Schweigen aufgenommen. Wenn man ganz heimlich um den Lampenschirm herumschaut, dann sieht man große stille Augen mit nachdenklichem Blick in die Ferne gerichtet. In einem Augenblick der Stille hört man ein tiefes Atmen. Im Dezember erfolgt dann die Kapitulation. Man nimmt den Glauben an den Weihnachtsmann an und entsagt dem heidnischen Glauben an das Portemonnaie. Wer jetzt noch Zweifel äußert, wird von den anderen schon entrüstet zurückgewiesen.
Wenn dann der heilige Abend da ist und man hinter der Tür mit grässlich verstellter Stmme fragt: "Seid ihr denn auch artig gewesen?" - dann kann es allerdings geschehen, dass gerade das Jüngste mit pietätloser Unschuld antwortet: "Ja, Papa!"

Wie gesagt, man entfesselt ein Weihnachtsgespräch unter den Kleinen. Das ist nicht schwer."Was wünschest du dir?" fragte ich die Kleinste.
"Ich wünsch mir 'ne Puppe, die schlafen un schreien un trinken kann - aber richtig trinken! - un dann 'ne kleine Babyflasche mit'n klein niedlichen Lutscher auf un 'ne ganz, ganz kleine Klingelbüchse. Ist das ungeschämt?"
"Nein, das ist nicht unverschämt. Was schenkst du mir denn?"
"Ja, was wünschst du dir?"
"Ja, wieviel Geld hast du denn in deiner Sparbüchse?"
"Mama, wieviel hab ich?"
"Fünfundachtzig Pfennige."
"Fünf'nachßig Pfennige."
"Na, dann wünsch ich mir ein großes, schönes Haus mit einem großen, schönen Garten."
"Mm. Und was nocht mehr?"
"Und dann einen schönen Wagen mit zwei wunderschönen Pferden davor."
"O ja! Un was noch?"
"Und ein großes Bauerngut mit lebendigen Pferden und Kühen und Schweinen und Ferkeln -  aber richtige Ferkel mein ich, nicht solche, wie ihr seid."
"Nein! Un was dann noch?"
"Ja - wenn du mir noch einen Original-Böcklin schenken willst -"
"Was?"
"Na, lass nur, dazu reicht's doch nicht."

Dem Jungen brennt so ein Haupt- und Herzenswusch auf der Seele, das sieht man. In seinen Augen glüht ein traumfernes Entzücken.
"Was möchtest du denn haben?"
"Vater - sag erst 'mal, ob das Buch von Robinson teuer ist!"
"Furchtbar teuer."
Sein Kopf sinkt auf die Brust.
"Aber es geht vielleicht."
Da entbrennen seine Augen.
"Vater, ich will auch gar nichts anderes haben, wenn ich nur das Buch von Robinson kriege!"

Solch ein Verlangen stillen, das nenne ich eine Weihnachtsfreude! Merkwürdig ist es, dass sie sich gar nichts Praktisches oder Nützliches wünschen, wie wollene Unterjacken und dergleichen. Mein Nachbar, Herr Schraffelhuber, hat einen Jungen von acht und einen von sechs Jahren: "Ich schenke meinen Jungen grundsätzlich nur Nützliches zu Weihnachten," sagte er zu mir, "wie Stiefel, Strümpfe, Mützen und dergleichen. All der andere Tand und Kram verleitet sie zur Torheit, Faulheit und Unaufmerksamkeit und bringt sie dahin, den Wert des Geldes gering zu achten. Die Großmutter schenkt ihnen ein Stück Spielzeug, und das genügt. In ein paar Tagen ist es doch wieder kaputt."

"Herr
Schraffelhuber," sagte ich darauf, "wissen Sie, was ich Ihnen gönne? Dass der Herrgott Ihnen, wenn sie in den Himmel kommen, einen großen und dauerhaften Regenschirm schenkt und sagt: 'Hier, mein lieber Schraffelhuber, hast du einen großen und dauerhaften Regenschirm als Krone des Lebens. Dein Platz ist nämlich draußen in meiner dicksten Regenwolke. Da wirst du diesen nützlichen und zweckmäßigen Regenschirm zu schätzen wissen. Ich wünsch dir eine nutzbringende Seligkeit,' " sagte ich ihm.
Seitdem hasst er mich, aber wenn solche Leute mich hassen, das wärmt mich recht innerlich, als wär's der herrlichste Weihnachtspunsch. 

 
An solchen Festen soll ja der Beschenkte "von dem goldenen Überfluss" der Welt kosten, und man soll ihm spenden, was ihm unter gewöhnlichen Umständen nicht erreichbar wäre. Wenn der arme Teufel barfuß läuft, so schenkt ihm Stiefel und Strümpfe. Wenn er aber des Leibes Notdurft hat, so schenkt ihm eine Trüffelwurst oder eine Radierung von Klinger oder - warum nicht, wenn er sich's wünscht - eine kleine Drehorgel, gerade weil es Verschwendung ist, weil es Luxus ist, weil es ein Spiel ist. Ach, mein Gott, wir haben  ja alle das Spiel so nötig. Dazu sind uns ja Tage des Festes gegeben, dass wir einmal herauskommen aus der Trivialität der Regelmäßigkeit. Darum verzehrt man ja auch am Weihnachtsfeste so viele Hasen, Gänse, Karpfen, Kuchen. Äpfel, Nüsse, Mandeln, Rosinen, Feigen und Apfelsinen mit den dazugehörigen Getränken, weil selbst die geregelt Verdauung unterbrochen werden muss, wenn sie nicht langweilig werden soll.

Ich kann euch sagen, ich hab die Nützlichkeit geschmeckt. Als ich vierzehn Jahre alt war, da hieß es: "Der große Junge braucht wohl kein  Spielzeug. Der kriegt diesmal was Praktisches." Natürlich stimmte ich zu; es war ja noch vierzehn Tage vor Weihnachten. Ich, ein junger Mann von vierzehn Jahren soll mir Spielsachen schenken lassen? Lächerlich! Als dann aber die Bescherung kam, da waren wirklich keine da! Die jüngeren Geschwister hatten niedliche Windmühlen, Baukästen und Hühnerhöfe, aber ich hatte nicht ein einziges Stück. Nur Kragen, Strümpfe, Halstücher. Geweint hab ich sehr, aber nur nach innen. Zwei oder drei bitterheiße Tropfen. Nach außen hab ich den jungen Mann aufrechterhalten. Ein paarmal hab ich mich wohl vergessen und heimlich mit den Sachen der anderen gespielt, aber mit vierzehn Jahren ist man auch noch ein recht junger Mann. Als ein jüngerer Bruder mich verspottete, vermochte ich ihm mit Hoheit und einem tiefen Jungenbass zu erwidern: "Du Dummbart, ich wollte nur mal sehen, wie sie eingerichtet ist!"
 
Wenn eure Kinder, mit vierzehn, sechzehn, achtzehn Jahren und später noch spielen wollen, so stört sie nicht. Denn das sind gewöhnlich die Menschen, die draußen in der ernsten Welt ihr Werk mit froher Kinderkraft angreifen und die mit Lächeln bewältigen, was dem Pedanten unmöglich schien.

Mehr über Otto Ernst


Karins Adventskalender 1
Kalender zwischen den Jahren
Internet-Weihnachten
Kontaktformular
Autorin
Impressum



Weihnachtskalender

Advents- und Weihnachtskalender - Geschichten zu Advent und Weihnachten

© 2012 by Karin Rohner

Impressum

Gemischte Genres Top1000