Karin Rohner


Advents- und Weihnachtskalender
17. Dezember

 
Auf der Suche nach dem warmen Platz in der Erinnerung

Weihnachtsbuch


Weihnachtsbuch

Immer das gleiche Bild am Heiligen Abend, ruft die Mutter. Du sitzt nur da und liest. Kannst du nicht bis morgen warten? Wir wollen jetzt Weihnachtslieder singen. Von mir bekommst du nächstes Jahr kein Buch.

Heiligabend ohne Buch wäre für mich als Kind kein Weihnachten gewesen. Meistens traf der Weihnachtsmann meinen Geschmack. Außer bei diesem Bilderbuch mit dem Titel "Burschi zieht in die weite Welt". Die Abbildung auf dem Buchdeckel zeigte ein Kind mit schulterlangen blonden Haaren und Hosen, die bis zu den Knien reichten. Den Wanderstab in der Hand, schritt es fröhlich dahin. Das karierte Halstuch flatterte im Wind. Das Erstaunliche daran - die Hauptfigur war, trotz langer Haare, ein Junge. Immer wieder fragte ich meine Mutter: Ist Burschi wirklich kein Mädchenname? Ich spielte zwar mit dem Nachbarssohn Fußball. Doch eigentlich mochte ich keine Jungs. Und schon gar nicht in meinem Weihnachtsbuch. Jedesmal, wenn ich den Deckel aufklappte, hoffte ich auf ein Wunder. Es kam aber immer dieser Bursche namens Burschi zum Vorschein. Bis ich auf die Idee kam, ihn einfach auszuklinken. Ich stellte mir vor, die Hauptperson hieße Uschi und wäre ein Mädchen.

 

Weihnachtsbuch

Titelbild der Ausgabe von 1952


Ein anderes Weihnachtsbuch, das mir in Erinnerung blieb, hieß "Mara unter Tieren und Zelten", von Ada Kretzer-Hartl. Die Handlung spielte in einer fremden, faszinierenden Welt - Mara war ein Zirkuskind. In der Schule hießen die Mädchen Ingrid, Erika, Rita. Aber Mara - das klang nach Exotik pur. Ich habe die Geschichte förmlich verschlungen. Bis meine Freundin Brigitte zu Besuch kam.
Wenn du es ausgelesen hast, krieg ich es aber! rief sie, schnappte sich meine Lektüre und legte sich auf den Fußboden, direkt vor den Kachelofen. Das Buch packte sie achtlos auf das Ofenblech, das die hölzernen Dielen vor herausfallender glühender Asche schützen sollte. Da in der Feuerstelle tagsüber öfter herum gestochert wurde, war das Blech meistens staubig. In diesem Staub lag nun mein Weihnachtsgeschenk. Ich nahm mir vor, meiner Freundin nie mehr ein Buch zu leihen.

Später habe ich es ihr dann doch gegeben. Mit der Bitte, sich zum Lesen nicht auf den Fußboden zu legen. Noch heute reagiere ich empfindlich, wenn jemand ein Buch nicht respektvoll behandelt.

© Karin Rohner

Karins Adventskalender
Kalender zwischen den Jahren
Autorin
Internet-Weihnachten
Kontaktformular
zum 18. Dezember


Weihnachtskalender

Advents- und Weihnachtskalender - Geschichten zu Advent und Weihnachten

© 2012 by Karin Rohner

Impressum

Gemischte Genres Top1000