Karin Rohner


Advents- und Weihnachtskalender
Heiligabend


Auf der Suche nach dem warmen Platz in der Erinnerung


Christnacht
Vorwort

"s' Büebli" von Hermine Villinger war mir als Kind die liebste Weihnachtslektüre. Wir besaßen von den Großeltern ein vergilbtes Exemplar des Büchleins, das ich noch heute habe. Meine Mutter las uns Kindern die Geschichte gern zu Weihnachten 
vor. Am allerschönsten fanden wir Büeblis Ausspruch: "Schöne Flügel, Luder sind's!" Diesen Satz konnte sie gar nicht oft genug wiederholen.
 


Heiligabend

Auszug aus der Erzählung "s' Büebli" von Hermine Villinger
(1849-1917)

Vor dem Feldbergerhof hatte ein großes Schneeschuhtreiben stattgefunden; jetzt saßen die Gäste beim späten Mittagsmahl, während die Wirtin, die Arme voll großer und kleiner Päckchen, im Bescherungszimmer aus und ein ging. Sie war eben wieder auf den Gang getreten, da pochte es an die Haustür; Fräulein Fanny öffnete und eine kleine Gestalt taumelte über die Schwelle.

"Was kommt uns denn da für ein Schneemännle?" rief die Wirtin aus, denn kein Mensch vermochte das Büebli unter seiner weißen Kruste zu erkennen.
Unfähig, einen Laut von sich zu geben, stand der Kleine da, die Schneeschuhe fest an sich gepresst. "Jetzt laß einmal vor allen Dingen deine Flügel los!" meinte Fräulein Fanny, in dem sie nach den Schneeschuhen des Büebli griff.

Da kam Leben in den kleinen Mann: "Schöne Flügel", stieß er unter Tränen hervor, "Luder sind's!" Ein großes Gelächter erschallte: "s' Büebli - Herrgott, s' Büebli!" Durch das ganze Haus ging's: "'s Büebli ist übers Herzogenhorn komme - ganz allein -"

Und die Meidli machten sich mit Bürsten und Besen über den kleinen Schneemann her. Dann trug man ihn in ein kaltes Zimmer, wo er die halberfrorenen Ohren und Hände tüchtig mit Schnee abgerieben bekam.
Fräulein Fanny löffelte ihm eine warme Suppe ein.

"Was hast auch gedacht, Büebli, den bösen Weg so ganz allein -"
"Hab' halt zum Feldberger Christkindl wolle," lallte er, "gelt, ihr wecket mich - wenn's kommt -"

Er hörte nichts mehr; wohlig kam die Ruhe über ihn und die Wärme mit einem Gefühl unaussprechlichen Behagens. Wohl sah er immer noch die weiten, weißen, unabsehbaren Flächen vor sich, aber sie erweckten kein Angstgefühl mehr in ihm, denn er sah noch etwas anderes - den Baum voll glänzender Lichter, nach dem er sich so heiß gesehnt - der wunderbare Weihnachtsbaum leuchtete vor ihm her, vergoldete die ganze Welt und führte ihn dicht vors Kripplein, in dem das liebe Jesuskind lag; Maria und Josef waren auch da, und aus dem Stall lugten Ochs und Eslein. Ringsum aber knieten die Hirten und huben die Hände zum Jesuskind auf und beteten mit lauter Stimme. Und unter ihnen der kleine Hirte, der allerkleinste, mit den großen Schneeschuhen im Arm, war das nicht er selbst, 's Büebli, noch weiß vom Schnee mit blaugefrorenen Händen und roten, weit abstehenden Ohren? -

Freilich mußte er's sein, denn fragte ihn nicht das Jesuskind, indem es auf seine Schneeschuhe deutete: "Sind das deine Flügel, Büebli?"
"Schöne Flügel," gab er zur Antwort, "Luder sind's - "

Da wurde die Tür aufgerissen, und der Bruder stand auf der Schwelle: "Wach auf, wach auf, Büebli, 's Christkindl ist da!"

Er fuhr auf, und rieb sich die Augen.
Ein heller Lichtstrom flutete in die Stube, und durchs ganze Haus tönte es laut und mächtig:

"O du fröhliche, o du selige
Gnadenbringende Weihnachtszeit."

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Hermine Villinger - 1849-1917


Schwarzwald

Zeichnung aus dem Büchlein "s Büebli" von Hermine Villinger 1919



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